(Wie) gelingt die Umsetzung?

Herausforderungen, Strategien, Tipps für Musiker:innen

Die Einführung von Honoraruntergrenzen ist überfällig, stellt Akteur:innen der freien Musikszene aber unweigerlich auch vor Probleme. Das gilt für den Bereich der öffentlichen Förderung, wo sie (verbindlich) eingehalten werden sollen, strahlt aber auch auf den freien Markt aus:

Für einzelne freiberufliche Musiker:innen bestehen das Risiko und die Sorge, Arbeit zu verlieren, wenn sie zu forsch verhandeln. Gleichzeitig können Honoraruntergrenzen Musiker:innen aber auch dabei helfen, ihre künstlerischen Leistungen selbstbewusst zu vertreten und klare Grenzen zu setzen.

 

Praktische Hilfestellungen für Musiker:innen, zum Beispiel Tipps für Verhandlungen, finden sich hier.

 

Für Veranstalter:innen und Ensembles ist es eine große Herausforderung, faire Gagen zu ermöglichen. Transparent hergeleitete und gut begründete Honoraruntergrenzen können sie gleichzeitig dabei unterstützen, für eine Aufstockung von Fördermitteln zu argumentieren, um faire Gagen zu ermöglichen.

Eine generelle öffentliche Diskussion der Möglichkeiten fairer Vergütung in der freien Musikszene, unterstützt durch die Arbeit der Musik-Verbände, kann helfen, die Forderung nach angemessenen Gagen zu normalisieren. Um Honoraruntergrenzen nachhaltig zu etablieren, ohne die Vielfalt der Freien Musikszene zu beschränken oder bestehenden Strukturen zu schaden, arbeiten die Verbände kontinuierlich auf verschiedenen Ebenen:

  • Veranstalter:innen müssen über Honoraruntergrenzen und deren Herleitung informiert und teilweise auch für das Thema sensibilisiert werden. Die freie Musikszene ist ein fragiles Ökosystem aus Veranstalter:innen bzw. Auftraggeber:innen, Musiker:innen und Publikum. Es gilt darum, nicht gegeneinander zu arbeiten, sondern gemeinsam an einem Strang zu ziehen und entsprechende Allianzen zu bilden.
  • Fördertöpfe müssen sukzessive aufgestockt werden, um die Anzahl der geförderten Projekte bei Einhaltung von Honoraruntergrenzen nicht zu minimieren. Die Vielfalt der Freien Szene muss erhalten bleiben. Sonst droht eine Dynamik, in der wegen leerer öffentlicher Kassen zwar Honoraruntergrenzen gezahlt, dafür aber nur noch sehr viel weniger Projekte und damit auch nur wenige Musiker:innen gefördert werden, weil die Budgets nicht entsprechend anwachsen.
  • Es müssen weitere Daten zur Arbeitspraxis freischaffender Musiker:innen gesammelt und zugänglich gemacht werden (Studien, Erhebungen).

 

Offene Fragen

Viele Fragen bleiben dabei bisher ungeklärt:

  • Wie begegnet man der Gefahr der Erosion existierender Strukturen, wenn Honoraruntergrenzen bei nur anteiliger öffentlicher Finanzierung nicht eingehalten werden können?

 

  • Wie werden Honoraruntergrenzen im Gefüge öffentlicher Förderstrukturen so eingebracht, dass diese nicht vom freien Markt abgekoppelt werden und eine Verzerrung des Honorargefüges auf dem freien Markt stattfindet?

 

  • Veranstalter:innen – die teils selbst Musiker:innen bzw. freie Ensembles sind –, Clubs, Konzertreihen und Festivals haben unterschiedliche finanzielle Spielräume, gerade kleine Veranstalter:innen stehen oft unter hohem Druck. Das Netz der Zusammenhänge, Abhängigkeiten und Interessen ist dabei dicht und schwer zu durchschauen.

 

  • Wie können Honoraruntergrenzen auch für die Honorare freiberuflicher Musiker:innen an öffentlich geförderten Institutionen und Häusern (z.B. Theater, Orchester, Opernhäuser) greifen? Aktuell sind diese Honorare oft weit von den Honoraruntergrenzen entfernt, siehe dazu zum Beispiel die »Aushilfenampel« von unisono. Damit zusammenhängend stellt sich die Frage: Wie kann die Solidarität zwischen angestellten und freiberuflichen Musiker:innen mit Blick auf eine faire Bezahlung weiter gestärkt werden? Das betrifft zum Beispiel Fälle, in denen angestellte Musiker:innen Aushilfen für ein geringes Honorar spielen – weil sie einfach Lust auf ein bestimmtes Projekt haben o.ä. – und damit die Honorarverhandlungen von freiberuflichen Kolleg:innen ungewollt erschweren.

 

Erfolge

Trotz aller Schwierigkeiten zeigen sich in der Auseinandersetzung mit Honoraruntergrenzen schon jetzt positive Veränderungen für die gesamte freie Musikszene – formuliert wurden diese zum Beispiel beim Theorie-Input und beim Vernetzungstreffen der »Honoraruntergrenzen-Werkstatt«  der VAM Berlin im November 2025:

  • Die Wertschätzung der (eigenen) Arbeit: Viele Musiker:innen machen sich durch die Beschäftigung mit Honoraruntergrenzen überhaupt erst bewusst, was ihre Arbeit wert ist und dass eine faire Vergütung und eine künstlerische »Berufung« sich nicht ausschließen.
  • Honoraruntergrenzen können auch Organisator:innen und Veranstalter:innen in der Argumentation gegenüber Geldgeber:innen (sowohl der öffentlichen Hand und als auch im Bereich Sponsoring oder im Kirchenmusik-Kontext) stärken.
  • Auf dem freien Markt sorgen transparent berechnete Honoraruntergrenzen für mehr Augenhöhe und bessere Argumente bei Verhandlungen.

 

Best Practices

Auf der Suche nach weiteren vielversprechenden Strategien im Umgang mit Honoraruntergrenzen haben wir im Rahmen der Honoraruntergrenzen-Werkstatt einen Blick in die Niederlande geworfen: Mit ähnlichen Herausforderungen wie in Deutschland sehen sich auch hier freiberufliche Musiker:innen seit langem konfrontiert (so berichtete es Oboistin Dorine Schoon bei einem Workshop der Honoraruntergrenzen-Werkstatt). Die Honorare waren jahrzehntelang viel zu niedrig, den Musiker:innen schien es unmöglich, wirklich zu verhandeln, aus Angst, dann als kompliziert zu gelten und nicht mehr angefragt zu werden – ein strukturelles Problem. Veränderung brachte hier auch der Zusammenschluss freiberuflicher Musiker:innen, zum Beispiel über die Platform voor Freelance Musici (PvFM), die gegenseitige Unterstützung und Information sowie eine gemeinsame Interessensvertretung ermöglicht hat. Unter anderem arbeitet PvFM mit an der transparenten Berechnung fairer Honorare für klassische Musiker:innen in den Niederlanden. Außerdem wurde der Nationaal Podium Plan ins Leben gerufen, der zu niedrige Honorare mit öffentlichen Geldern aufstockt, wenn Veranstalter:innen nicht über die nötigen Mittel verfügen. Darüber hinaus gilt in den Niederlanden mittlerweile für Musiker:innen in öffentlich geförderten Ensembles und Zusammenhängen: Aushilfen müssen genau so viel verdienen wie die angestellten Musiker:innen. Und: Selbst für Projekte beziehungsweise Aushilfen von sehr kurzer Dauer müssen die Musiker:innen für den entsprechenden Zeitraum angestellt werden, wenn die Ensembles signifikant öffentlich gefördert werden.

 

In Irland wird ab 2026 nach einer erfolgreichen Pilotphase (gestartet im April 2022) ein dauerhaftes Grundeinkommen für freischaffende Künstler:innen eingeführt.

 

Es bleibt die Frage: Was bedeutet all das für die einzelne Musikerin oder den einzelnen Musiker? Wir haben hier praxisnahe Hilfestellungen gesammelt.