Wo liegt das Problem?
Unbezahlte Arbeitszeit, niedriges Einkommen, kaum Absicherung
»Unsichtbare« Arbeit
Zum Berufsalltag freischaffender Musiker:innen gehört weit mehr als Proben und Auftritte. Üben, Konzipieren, Reisen, Buchhaltung, Mittelakquise, Projektentwicklung … Obwohl diese »unsichtbaren« Tätigkeiten – in individuell verschiedenen Gewichtungen – einen signifikanten Teil der Arbeitszeit aller freischaffenden Musiker:innen ausmachen, wird diese Arbeit bisher nicht vergütet.
Auch für ihre Ensembles übernehmen freischaffende Musiker:innen oft solche unsichtbaren Aufgaben – in durchschnittlich 40 bis 50 Prozent der Fälle komplett unbezahlt, so zeigt es eine Grundlagenstudie des FREO e.V.
Prekariat der freischaffenden Musiker:innen
Entsprechend niedrig ist das Einkommen, das die KSK für freischaffende Musiker:innen für 2025 prognostiziert: Der Jahresgewinn von freiberuflichen Musiker:innen (alle Genres) liegt laut KSK 2025 durchschnittlich bei 15.615 €. Mit einem durchschnittlichen Brutto-Jahreseinkommen von 13.804 € verdienen freischaffende Musiker:innen aus dem Klassik-Bereich hier im Vergleich am wenigsten. Am oberen Ende der Skala stehen die Rock-, Pop-, Tanz- und Unterhaltungsmusiker:innen mit durchschnittlichen Jahreseinnahmen von 19.674 Euro; von finanzieller Sicherheit kann jedoch auch hier keine Rede sein. Musikerinnen verdienen dabei – unabhängig von Genre und Tätigkeit – durchgehend deutlich weniger als die männlichen Kollegen.
Das niedrige Einkommen lässt sich nicht durch einen geringen Arbeitsumfang erklären: Laut der Jazzstudie der Deutschen Jazzunion arbeiteten zum Beispiel freischaffenden Jazz-Musiker:innen im Jahr 2022 durchschnittlich 43 Stunden pro Woche (vor Corona: 46 Stunden pro Woche). Weil unsichtbare Arbeit dabei jedoch überhaupt nicht vergütet wird und Proben- und Konzerthonorare sehr niedrig sind, kann nur ein geringes Einkommen generiert werden. Freiberufliche Musiker:innen müssen tendenziell also besonders viel arbeiten, das Risiko von Selbstausbeutung und Überlastung ist hoch.
Absicherung? Kaum möglich.
Große Auswirkungen hat das niedrige Einkommensniveau auch auf die Altersabsicherung: Im Bereich Jazz lag laut Jazzstudie die Rentenerwartung von freischaffenden Musiker:innen im Jahr 2022 im Median bei 460 €/Monat. Selbst vorzusorgen und entsprechende Rücklagen zu bilden, ist mit einem für die freie Musikszene üblichen Einkommen schlicht nicht möglich.
Wer die Verantwortung den einzelnen Musiker:innen zuschreibt – man könnte ja bessere Honorare verhandeln –, macht es sich zu leicht. Selbst vorsichtige Honorarverhandlungen bergen immer das Risiko, dann eben nicht auf das Festival eingeladen, für ein Musikvermittlungsprojekt angefragt oder als Musiker:in für eine bestimmte Aufführung engagiert zu werden. Es gibt schließlich sehr viele sehr gute Kolleg:innen. Steigender Konkurrenzdruck und eine extrem hohe Identifikation mit dem Beruf fördern die Bereitschaft zur Selbstausbeutung und erschweren das Setzen von Grenzen.
Die Honorarfrage braucht darum in der freien Musikszene auch einen übergreifenden Lösungsansatz, der über den konkreten Einzelfall hinausgeht.
Wie ein solcher Ansatz aussehen könnte, erklären die folgenden Kapitel.
